Als wissenschaftliche Struktureinheit (Institut, Wissenschaftsbereich) der Hochschule für Ökonomie Berlin (HfÖ) wurde das Institut für Materialwirtschaft
(ab 1987: Institut für Materialwirtschaft und Logistik) am 01.09. 1956 gegründet.
Es entwickelte sich zu einer national und international anerkannten Lehr- und Forschungseinrichtung, die sich um den Aufbau und die Weiterentwicklung
der Wissenschaftsdisziplin Materialwirtschaft verdient gemacht hat und zu einem geschätzten Partner der Wirtschaftspraxis wurde. Tätigkeitsgebiete waren
die akademische Lehre und Forschung, die Aus- und Weiterbildung von Führungs- und Nachwuchskräften für die Leitung der Materialwirtschaft sowohl auf
zentralstaatlicher Ebene (z.B. Ministerien, Staatliche Plankommission, staatliche Inspektionen) als auch auf betrieblicher Ebene (Vereinigungen Volkseigener Betriebe - VVB -, Kombinate, Betriebe), die wissenschaftliche Betreuung von Doktoranden (befristete Assistenten, in- und ausländische Aspiranten und Forschungsstudenten) sowie die Öffentlichkeitsarbeit zur breitenwirksamen Vermittlung von theoretischen und praktischen Ergebnissen und Erkenntnissen der Wissenschaftsdisziplin Materialwirtschaft und ihres institutionellen Wirkens.
Das Institutshandeln bis Anfang der 80ziger Jahre war durch die Auffassung (Gegenstandsbestimmung) geprägt, dass die Materialwirtschaft alle Produktionsmittelbeziehungen erfasst, die sich innerhalb und zwischen den Bereichen, Zweigen und Gebieten der Volkswirtschaft vollziehen, die die arbeitsteiligen volkswirtschaftlichen und betrieblichen Prozesse verbinden, im Absatz- und Versorgungsprozess zwischen den Betrieben realisiert werden und bis in die Produktions- und Konsumtionsprozesse hineinreichen.
Damit hatte sich das Institut hinsichtlich der Entwicklung der Wissenschaftsdisziplin sowie lehr- und forschungsbezogen sehr frühzeitig den volkswirtschaftlichen Stoffkreisläufen sowie den dort integrierten Liefer-Abnehmer-Beziehungen zugewandt.
Hieraus abgeleitet wurden die materialwirtschaftlichen Teilprozesse definiert:
⁃ der Absatz der hergestellten Erzeugnisse (incl. Abfälle und Altstoffe) im Direktverkehr oder über den Produktionsmittelhandel / Produktionsgüterhandel,
⁃ die Rohstoff- und Materialversorgung der wirtschaftenden Einheiten einschließlich der Zuführung der Abfälle und Altstoffe an die Aufbereitungs- und
Verwertungsbetriebe in enger Verbindung mit den Prozessen der ökonomischen Materialverwendung,
⁃ die Vorrats- und Reservehaltung an Produktionsmitteln,
⁃ der Produktionsmittelhandel/Produktionsgüterhandel,
⁃ die Prozesse der Lager- und Verpackungswirtschaft, die unmittelbar mit den Produktionsmittelbeziehungen verbunden sind.
Wachsende Widersprüche zwischen den gesellschaftlichen bzw. ökonomischen Zielstellungen und der gegebenen Zielerreichung in der DDR, sowie daraus ableitend die notwendige Suche nach neuen Lösungen, verbunden mit einem sich erhöhenden Handlungsdruck unter den Bedingungen
a. zunehmender Dynamik und Globalisierung der Märkte,
b. einer veränderten Qualität und Intensität des Wettbewerbs,
c. wachsender Anforderungen an die Versorgungssicherheit und -flexibilität mit Rohstoffen und Material bei aktuellen und langfristigen
Ressourcenbegrenzungen sowie einer noch konsequenteren ökonomischen Verwendung der Rohstoffe und Materialien,
d. zunehmender ökologischer Erfordernisse sowie
e. der immer bedeutungsvoller werdenden Kosten-, Preis-, Zeit- und Qualitäts-Faktoren für den Wettbewerbserfolg
bewirkten einen in den 80ziger Jahren vollzogenen Wandel in der Gegenstandsbestimmung der Materialwirtschaft. Dieser war eng verbunden mit dem Erkennen der strategischen Bedeutung und den Leistungsfortschritten der Logistik auf der Grundlage neuer technisch-technologischer Möglichkeiten (Informatik, Material-
flusstechnik).
Unter Beachtung dieser Einflussfaktoren und Handlungsbedingungen wurde der Gegenstand der Materialwirtschaft wie folgt definiert:
Die Materialwirtschaft ist das auf eine hohe Materialökonomie ausgerichtete Versorgungssystem der Volkswirtschaft und ihrer wirtschaftenden Einheiten, das die Gesamtheit der Materialflüsse in engster Verbindung mit den Informationsflüssen, beginnend vom Beschaffungsmarkt (Lieferanten unterschiedlicher Lieferantenstufen) über die betrieblichen Materialflussstufen bis zum Absatzmarkt (Kunden) erfasst und durch eine integrierende, ganzheitliche Leitung (Analyse, Planung, Steuerung, Kontrolle, Abrechnung und Organisation) charakterisiert ist.
Die bisher definierten Teilprozesse der Materialwirtschaft wurden vor allem durch den Teilprozess "(logistische) Planung und Steuerung" erweitert.
Mit dieser Gegenstandsdefinition waren Nähe und Anwendungsmöglichkeit des vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf
und Logistik (BME) definierten Begriffs "Integrierte Materialwirtschaft" mit den "Bausteinen" Einkauf und Logistik gegeben.
Grundsätzliches Merkmal der Gegenstandsbestimmung durch das Institut blieb jedoch, dass die Materialwirtschaft niemals nur als betriebswirtschaftliche, sondern immer auch als volkswirtschaftliche Kategorie aufgefasst und auch so in Lehre und Forschung angewandt wurde.
Daraus ergaben sich Konsequenzen nicht nur für Lehre und Forschung, sondern auch für das wirtschaftspraktische Handeln des Instituts und seine organisatorisch- strukturelle Einordnung in die Hochschule für Ökonomie Berlin und das Hochschulwesen der DDR.
Die wechselnde Zuordnung des Instituts in die Fakultäten bzw. Sektionen Industrieökonomie, Volkswirtschaft sowie Betriebswirtschaft und der zeitlich verzögerte Namenswechsel in "Institut für Materialwirtschaft und Logistik" waren hierfür nur ein Ausdruck.
Die mit der gesellschaftlichen Wende in der DDR verbundene Abwicklung der Hochschule für Ökonomie zum 30. September 1991 führte auch zur Einstellung der Tätigkeit des Instituts als Hochschuleinrichtung.
Mit der sofortigen Übernahme des Instituts - bei reduziertem Personalbestand (1) und Namensänderung in "Institut für Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik"- durch die SOFTWARE UNION Gesellschaft für Unternehmensberatung (AachenMünchener-Gruppe) und der Mitte 1996 erfolgten Übernahme der SOFTWARE UNION und damit auch des Instituts durch die SYSECA Gesellschaft für Informationsdienstleistungen (Thomson-CSF) veränderten sich die Aufgaben signifikant. Während sich die akademische Lehre deutlich verringerte, wurden Aus- und Fortbildung für die Wirtschaftspraxis und Unternehmensberatung, teilweise verbunden mit projektbezogenen Forschungen, zu Hauptgebieten der Institutstätigkeit.
In Abhängigkeit von Umfang und Differenziertheit der Institutsaufgaben, der strukturellen Zuordnung des Instituts sowie den Einflussmöglichkeiten auf Personaleinstellungen schwankte der Personalbestand des Instituts zwischen 6 und 28 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, davon (über die Gesamtzeit des Institutsbestehens betrachtet) zehn Hochschullehrer/-innen.
Institutsdirektoren/-leiter:
1956 - 1959 Prof. Dr. sc. oec. Hans Fülle (Gründungsdirektor)
1959 - 1971 Prof. Dr. sc. oec. Carl-Jürgen Strauß
1972 - 2001 Prof. Dr. sc. oec. Klaus Gürmann
Hochschullehrer/-innen:
Prof. Dr. sc. oec. Klaus Dominik (zugleich Präsident der Akademie der mittelständischen Wirtschaft beim BVMW 1991-2010)
Prof. Dr. sc. oec. Karl Schreiber (zugleich Prorektor der HfÖ 1985-1990)
Prof. Dr. oec. Hans Schönherr
Doz. Dr. oec. Hertha Blank
Doz. Dr. sc. oec. Helga Hennig
Doz. Dr. sc. oec. Horst Österreich
Doz. Dr. oec. Rainer Ruben
(1)
Der größere Teil der Institutsmitarbeiter/-innen konnte leider nicht in den Personalbestand des Instituts als Einrichtung der Wirtschaftspraxis übernommen
werden. Durch ihre daraus resultierende neue und vor allem erfolgreiche Tätigkeit als Unternehmer, Geschäftsführer, Unternehmensberater, Verantwortliche
für verschiedene Geschäftsbereiche in der Wirtschaft sowie nicht zuletzt als Dozenten mit Lehrauftrag an Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen
haben sie die Leistungsfähigkeit des ehemaligen Hochschulinstituts verdeutlicht und weiterhin ihre Identifizierung mit dem Institut für Materialwirtschaft
und Logistik nachhaltig bekundet. |